Wenn es nicht beim ersten Mal klappt, ist das noch lange nicht aller Tage Abend. Aber es gibt immer mehrere Chancen. Geben Sie nicht auf und nutzen sie diese!
Herr Hoffnung stand in der Küche. Eigentlich war es seine Küche, aber sie hatte keine Ähnlichkeit mehr mit ihr. Alle freien Flächen waren unter Bergen von Gemüse und Kräutern verschwunden. In der Mitte, auf dem Küchentisch, thronte eine Gans. Lena schlief jetzt und er hatte alle Zeit der Welt. Er biss sich nachdenklich auf die Lippe. Was hatte er sich nur dabei gedacht, gleich als erstes Gericht die gefürchtete Weihnachtsgans bezwingen zu wollen? Sie sah in ihrem gerupften Zustand tatsächlich etwas furchteinflößend ein. Aber dazu war der Testlauf ja da. Immerhin hatte er den ausartenden Einkauf gestern hinter sich gebracht. Es war nicht gerade eine angenehme Stunde gewesen, die er in dem Supermarkt verbracht hatte. Man konnte fast meinen, dass die Menschen vor Weihnachten Angst hatten, zu verhungern, so wie sie sich um die Regale drängten. Zu allem Überfluss hatte er auch noch einen seit Wochen abgelaufenen Joghurt in seinen Einkäufen gehabt. Zuerst wollte er es einfach auf sich beruhen lassen, aber dann war ihm eingefallen, dass ein abgelaufener Joghurt eine ganze abgelaufene Palette bedeuten konnte. Das heißt, noch wesentlich mehr Menschen würden sich darüber beschweren. Also war er in aller Eile noch einmal zurück, um der Kassiererin Bescheid zu sagen. Die bösen Blicke der Anstehenden hatten ihn einen Moment an seiner Entscheidung zweifeln lassen, aber das Lächeln der Kassiererin hatte ihn entschädigt, Es war beruhigend noch ein paar freundliche Gesichter in dieser Zeit zu sehen. Doch zurück zu der Gans. Er schaute auf das Rezept, das er sich aus dem Internet ausgedruckt hatte. Zwischen all den Rezepten, die er sich angeschaut hatte, war ihm dieses hier besonders aufgefallen. Es war die „Weihnachtsgans à la Mama“. Ihm gefiel der Gedanke, eine Gans zuzubereiten, die von einer dieser göttlich kochenden Mütter sein könnte. Schließlich war die Gans gefüllt, jetzt musste sie nur noch in den Backofen und regelmäßig mit dem Bratsaft begossen werden. Er schaute auf die Uhr.
Herr Hoffnung schreckte auf. Einen Moment lang wusste er nicht wo er war, er sah sich verwirrt um. Dann wurde ihm bewusst, dass er auf der Couch eingeschlafen war. Die Gans! Aus der Küche drang ihm bereits ein alarmierender Geruch entgegen. Er sprang in aller Eile auf, stolperte dabei fast über den Couchtisch und sprintete Hals über Kopf in die verrauchte Küche. Als er die Backofentür aufriss, kam ihm ein Schwall grauer Rauch entgegen. Hustend griff er nach einem Topflappen und beförderte die zischende Gans auf den Tisch. Milde ausgedrückt, hatte die Gans ordentlich Farbe bekommen. Realistisch gesehen, sah sie aus wie ein überdimensionales Stück Holzkohle. Zögernd zog er ein Messer aus dem Messerblock und begann das schwarze Geflügel zu tranchieren. Innen sah sie erstaunlicherweise noch recht gut aus. Misstrauisch griff er nach seiner Gabel und probierte ein Stück. Immerhin, sie schmeckte ziemlich gut, auch wenn sie nicht wie eine Weihnachtsgans, sondern vielmehr wie ein Hühnchen nach einem Waldbrand aussah. Erleichtert atmete er auf. Beim nächsten Mahl würde sie mit Sicherheit auch so aussehen wie sie schmeckte.
