Manchmal scheint das Leben ungerecht zu sein. Doch alles hat zwei Seiten. Versuchen sie einmal, einen Blick auf die Kehrseite zu werfen.
Bis oben hin bepackt stand Frau Mut an der Kasse an. Die Schlange vor ihr schien kein Ende zu nehmen. Es war mal wieder typisch, sie hatte nur ganz schnell ein paar Kleinigkeiten einkaufen wollen, aber als sie durch die Reihen des Supermarktes hetzte, fiel ihr ständig etwas Neues ein, das ihr ausgegangen war. Hier die Rosinen, dort die Milch und plötzlich hatte sie alle Hände voll. Der Einkauf, der nur für eine Handvoll Dinge gedacht war, wuchs sich zu einem echten Desaster aus. Erst kämpfte sie an der Kühltheke um die letzte Milch und als sie mit Müh und Not ihr schwer Erbeutetes an die Kasse balancierte, traf sie auf eine Schlange mit unglaublichen Ausmaßen. Die Mischung war hochexplosiv: eine einkaufswütige Meute und lediglich zwei offene Kassen. Hätte sie sich an ihren ursprünglichen Plan gehalten und tatsächlich nur zwei, drei Dinge gekauft, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen, um die Flinte ins Korn zu werfen. Aber dazu war es jetzt zu spät, deswegen stieg ihr Missmut proportional zu der Zeit, die sie in der Schlange verbrachte.
Endlich hatte sie das Fließband erreicht, doch bevor sie noch ein Stück ablegen konnte, wurde sie unsanft von der Seite angerempelt und eine ältere Frau drängelte sich vor. Sprachlos sah Frau Mut zu, wie sie ihre Sachen noch vor ihr auf das Band legte. Ungehalten tippte sie der Frau auf der Schulter: „Sie können sich doch nicht einfach vordrängeln!“ Doch die provokante Dränglerin drehte sich nur um, musterte sie kurz und erwiderte etwas in einer anderen Sprache. Schon hatte sie sich wieder umgedreht, das Thema war für sie scheinbar erledigt. Frau Mut sackte frustriert in sich zusammen.
Doch es kam noch besser. Plötzlich erhoben sich vorne an der Kasse ein paar Stimmen. Auch wenn es noch sehr weit weg war, sah sie, dass ein Mann mit einem Joghurt in der Hand mit der Verkäuferin diskutierte. Das gab es doch nicht! In diesem Moment stieg in ihr eine brennende Wut auf, sie schimpfte innerlich auf die Langsamkeit der Kassiererin, die Dränglerin, den Mann, der mit seiner Reklamation den ganzen Verkehr aufhielt - auf alles, das ihr gerade ihre wertvolle Zeit raubte. Apropos Zeit, sie warf einen Blick auf die Uhr. Oh nein, schon so spät!
Endlich war sie an der Reihe. Sie setzte schon zu einer spitzen Bemerkung an, als die Kassiererin ihr ein freundliches Lächeln schenkte.
Wow, dachte Frau Mut, und auf einen Schlag verflog all ihre Wut. Die Gelassenheit der Kassiererin hatte ihr mit einem Mal allen Wind aus den Segeln genommen. Diese Frau hatte schließlich den ganzen Tag mit Kunden zu tun, die nörgelten, drängelten und unfreundlich dazu waren. In diesem Moment schämte sich Frau Mut ein bisschen ihrer unangemessenen Wut. Für sie waren es nur fünf Minuten gewesen, die Kassiererin jedoch saß einen ganzen Tag lang an dieser Stelle fest.
In Gedanken versunken verließ sie den Supermarkt.
