Es ist schwer, Kritik nicht als Angriff auf die Persönlichkeit zu werten. Machen Sie ein Experiment: Hören Sie sich einmal eine Kritik in aller Ruhe und ohne Stellung dazu zu nehmen an und denken Sie darüber nach.
Lenas Freude über ihr Nikolaus-Geschenk war groß gewesen. Deshalb riss Herr Hoffnung sich sehr zusammen, als sie die übervolle Eislaufhalle betraten, um ihre neuen Schlittschuhe einzuweihen. Er sah nur das erwartungsfrohe Gesicht seiner kleinen Tochter, die es kaum abwarten konnte, die Eisfläche zu betreten. Endlich hatte er wieder einen ganzen Tag Zeit für sie. Sein Gewissen plagte ihn schon seit geraumer Zeit, weil er seine Tochter so selten sah. Er hatte sich nicht annähernd vorstellen können, wie schwierig es sein würde, die Arbeit und seine Aufgabe als Vater unter einen Hut zu bringen. Wenigstens hatte er in ihrer Tagesmutter einen wahren Engel gefunden – sie hatte sich auf Anhieb mit der Kleinen verstanden. Jetzt sprang sie sogar ein, um Lena morgens im Kindergarten abzuliefern.
Es war schon Jahre her, dass er sich selbst auf das Eis gewagt hatte und so langsam stiegen leise Zweifel in ihm auf, ob er es noch konnte. Vorsichtig setzte er einen Fuß auf die spiegelglatte Fläche, da zischte Lena schon an ihm vorbei. Überrascht schaute er ihr hinterher. In der Zeit, die er dafür gebraucht hatte, seinen Mut zu sammeln, hatte sie schon ihre ersten Schritte gemacht. Kinder waren in ihrem Entdeckerdrang und Mut manchmal ganz unglaublich.
Er wollte sich gerade abstoßen, als sein Handy zu klingeln begann. Verärgert stellte er fest, dass es sich um einen Anruf von der Arbeit handelte. Konnte man nicht einmal eine Minute seine Ruhe haben? Besonders, wenn er Zeit mit seiner Tochter verbringen wollte. In einem dementsprechend ungehaltenen Ton nahm er den Anruf entgegen.
Kaum hatte er aufgelegt, erklang eine Stimme neben ihm: „Papa, bist du böse?“. Erstaunt drehte er sich zu seiner Tochter um, die scheinbar das ganze Gespräch mit angehört hatte. „Nein...“, kam es verwirrt aus seinem Mund, „ich habe mich nur darüber geärgert, dass ich jetzt einen Anruf von der Arbeit bekomme, wo ich doch lieber Zeit mit Dir verbringen will.“ Lena neigte in ihrer kindlichen Art den Kopf ein wenig zur Seite und schaute nachdenklich zu ihm auf: „Weißt Du Papa, meine Kindergartentante sagt, dass es ganz wichtig ist, wie man mit anderen Leuten spricht. Genauso sind die dann nämlich auch zu einem.“ Ihm lag schon eine verteidigende Erwiderung auf den Lippen, doch dann schloss er den Mund wider. Sie hatte recht. Von einem Angestellten hätte er sich so etwas nie sagen lassen, aber diese Worte aus dem Mund seiner kleinen Tochter brachten ihn zum Grübeln. Welchen Eindruck bekam ein anderer Mensch von ihm, der ihn in diesem Tonfall reden hörte? Sicherlich hatte auch der Anrufer Besseres zu tun, als sonntags zu arbeiten. Er versuchte schließlich nur seinen Job zu machen.
„Die scheint ja besonders schlau zu sein, deine Kindergartentante.“, erwiderte er. „Ja, das ist sie“, sagte Lena ohne Umschweife, „ich finde, wir sollten Sie mal einladen.“
„Darüber reden wir nochmal.“, sagte er, nahm sie an die Hand und zog sie in das bunte Getümmel.
