Freundschaften sind wertvolle Geschenke. Deshalb sollte man sie gut pflegen. Sagen Sie einem Menschen, den sie mögen, einmal unvermittelt wie gern Sie ihn haben.
Frau Mut hatte einen grauenhaften Tag hinter sich. Einkäufe in der Weihnachtszeit waren einfach ein Unding. Fürchterlich lange Schlangen, gestresste Menschen und keine Parkplätze. Kein Wunder, dass sie zu spät dran war, aber Marina begrüßte sie trotzdem mit einem strahlenden Lächeln als sie das Café betrat. Das war das Tolle an guten Freunden. „Ich hab Dich gestern im Radio gehört!“ rief sie ihr schon auf halbem Weg entgegen. Frau Mut musste ein Grinsen unterdrücken - da rief sie einmal beim Radio an und dabei hörte ihr natürlich zufällig die ganze Nachbarschaft und der halbe Freundeskreis zu.
Mit Marina war sie noch nicht lange befreundet, trotzdem war sie ihr sehr ans Herz gewachsen. Als sie ganz frisch in die Stadt gezogen war, kannte sie keine Menschenseele - bis auf ihren damaligen Freund. Leider stand die Beziehung unter keinem guten Stern und ehe sie sich versah, stand sie plötzlich völlig alleine da, ohne Freunde. Aber immerhin mit einem tollen Arbeitsplatz, also beschloss sie, der Stadt noch eine Chance zu geben. Auf der Arbeit war das kein Problem, aber ihr Privatleben blieb öde und leer. Je näher der dunkle, stille Winter rückte, desto mehr graute ihr davor, nach der Arbeit in ihre einsame Wohnung zurück zu kehren. Sie musste immerzu an Rilkes Gedicht „Herbsttag“ denken: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Nicht gerade ermutigend.
Doch dann kam ein Sonntag und mit ihm eine überschwemmte Küche. Die Küchenspüle hatte über Nacht ein „kleines“ Problem bekommen. Aus unerfindlichen Gründen hatte das Wasser sich aus seinen vorgegebenen Bahnen gewagt und bedeckte nun den ganzen Küchenboden. Kein Klempner war erreichbar und in ihrer Verzweiflung klingelte sie sich bei ihren Nachbarn durch, die für sie bisher nur die anonymen Bewohner desselben Hauses gewesen waren. Aber die meisten waren nicht da oder gingen vielleicht einfach nicht an die Tür. Von einer alten Frau erhoffte sie sich auch nicht viel Hilfe und so war sie schon regelrecht verzweifelt als sie an Marinas Tür klingelte. Als sie sah, dass ihr eine junge Frau die Tür öffnete, schwand ihre letzte Hoffnung dahin. Doch sie wurde eines Besseren belehrt, als Marina mit einer unglaublichen Schnelligkeit ihr Problem löste. „Es hat doch sein Gutes, wenn man drei größere Brüder hat.“, hatte Marina damals lachend gesagt als sie sich völlig verdreckt von der Spüle zu ihr umdrehte. In diesem Moment wusste Frau Mut, dass sie in der lebensfrohen Frau eine Seelenverwandte gefunden hatte.
Inzwischen waren sie keine Nachbarn mehr, aber die Freundschaft, die über einer kaputten Spüle begonnen hatte, war geblieben.
„Warum grinst Du denn so? Hörst Du mir eigentlich noch zu?“, unterbrach Marina die Gedankengänge ihrer Freundin. Frau Mut schwieg einen Moment. Dann lächelte sie und sagte: „Ich habe nur über unsere Freundschaft nachgedacht.“ Marina schaute sie kurz überrascht an, dann lächelte sie zurück. Freunde verstanden sich eben auch ohne Worte.
