Vorurteil

Ein Vorurteil spricht man bereits VOR dem eigentlichen Urteil aus. Befreien Sie sich einmal von all Ihren Vorurteilen, wenn jemand das nächste Mal über ein Thema spricht, dem Sie negativ gegenüber stehen. Möglicherweise gewinnen Sie dadurch ganz neue Ansichten.

Herr Hoffnung fluchte. Vor ihm stauten sich die Autos bis über die Kreuzung. Ein Ende war nicht in Sicht. Links und rechts keine Abfahrt, er kam sich vor wie ein Karnickel in der Falle. Und das an seinem zweiten Arbeitstag! Zu allem Überfluss hatte er Lena schon wieder zu früh vor dem Kindergarten abgesetzt, auf Dauer war das einfach keine Lösung, aber er wusste nicht, wie er es sonst zeitlich schaffen sollte. Zum Glück war da noch Lenas Tagesmutter, die sie nachmittags vom Kindergarten abholte und sich um sie kümmerte, bis er von der Arbeit kam. Er war ihr jetzt schon unglaublich dankbar dafür. Aber das Morgenproblem war damit trotzdem nicht gelöst. Und jetzt auch noch dieser Stau! Er schlug frustriert gegen das Lenkrad. Dabei traf er auch, wie konnte es auch anders sein, die Hupe und der nervtötende Ton schreckte die anderen Wartenden auf. Er erntete böse Blicke von allen Seiten.
Ein wenig Ablenkung wäre nicht schlecht, dachte er und schaltete das Radio an. Weihnachtsmusik klang ihm entgegen. Nein, er hatte mit diesem Fest wenig am Hut. Wenn überhaupt, beschäftigte er sich nur Lena zuliebe damit. Er suchte nach der nächsten Frequenz. Die Nachrichten, ausgezeichnet. Aber was war das? Ein Rauschen verzerrte die Stimme des Sprechers bis an die Grenzen der Unerträglichkeit. Herr Hoffnung verdrehte die Augen. Das war wieder einmal so typisch. Ein fürchterlicher Stau und er stand natürlich mitten in einem Funkloch. Er suchte weiter. Das gab es einfach nicht, nur der Sender mit der Weihnachtsmusik war frei von Störungen! Er warf einen Blick nach draußen – es sah wirklich nicht so aus, als würde sich der Stau in den nächsten Minuten auflösen. Mit einem innerlichen Seufzer gab er nach und ließ die Musik laufen. Doch da wurde sie plötzlich von der Stimme des Moderators unterbrochen. Er hörte halbherzig zu, wie er von der Adventszeit und ihrer Bedeutung erzählte.
„Was halten Sie eigentlich von Weihnachten?“, fragte er seine Zuhörer. Für Herrn Hoffnung war das einfach, er selber verband Weihnachten mit sinnlosem Konsum und Stress. „Da haben wir schon den ersten Anrufer. Hallo, mit wem spreche ich?“. Die Antwort ging in einem plötzlichen Rauschen unter. drehte verärgert an dem Knopf, denn auf einmal verspürte er doch ein leichtes Interesse an der Sendung. Mitten im Satz der Anruferin fand er die Frequenz wieder. „...meine Mutter. Wenn ich an Weihnachten denke, sehe ich sie immer, wie sie in der Küche steht, umringt von zehntausend Zutaten, und kocht. Es war faszinierend, ihr dabei zuzusehen, wie sie am Herd hantierte und dabei über das ganze Gesicht strahlte. Dabei hatte sie sonst nie besonders viel Zeit zum Kochen und Backen, aber in der Adventszeit hat sie sich einfach welche genommen und mir und meiner Schwester gezeigt, wie man die ganzen Leckereien zubereitet. Das war für mich das beste Geschenk. Natürlich habe ich mich auch über materielle Geschenke gefreut, klar, das tut doch jedes Kind. Aber wenn ich zurück denke, was für mich das Schönste war, dann das Zusammensein mit den Menschen, die ich am meisten liebe. Deswegen ist Weihnachten für mich definitiv mehr als eine Zeit des Konsums und Stress.“
Er stockte, waren das nicht genau seine Gedanken gewesen? Irgendwie hatte sie nicht so unrecht, er genoss jede Minute, die er mit seiner Tochter verbringen konnte. Es erinnerte ihn auch an seine Kindheit. Er war zwar nie mit seiner Mutter in der Küche gestanden, aber sein Vater hatte ihm jeden Abend vor dem Einschlafen eine neue Adventsgeschichte erzählt. Er nannte das sein besonderes Geschenk. Als kleiner Junge hatte er immer diesen Abenden entgegen gefiebert, wenn es draußen stockdunkel war und es im ganzen Haus nach Plätzchen roch. Es war eine Zeit gewesen, in der er so erwartungsvoll in die Zukunft geblickt hatte. Wo war dieses Gefühl nur geblieben?

Ein Hupen ließ ihn aufschrecken. Der Stau hatte sich aufgelöst, hastig trat er aufs Gas und fuhr weiter. Doch den ganzen Tag über wanderten seine Gedanken zurück zu der Anruferin.