Sichtweise

Perspektive kommt von „durchblicken“, doch manchmal kann eine einzige Perspektive unsere Sichtweise unnötig einschränken. Probieren Sie einmal aus, Ihren Blickwinkel zu wechseln. Sie werden sich wundern, was dabei alles zu Tage kommt.

Frau Mut hatte alle Hände voll, als sie auf die Tür des Kindergartens zusteuerte. Heute sollte die Weihnachtsbastelei anfangen und deshalb balancierte sie vorsichtig Tannenzapfen, Goldspray und Watte in beiden Armen. Mit der einen Hand versuchte sie, an ihre Tasche zu gelangen, in der sich der Schlüssel befand, während sie mit der anderen versuchte, die Bastelsachen am Herunterfallen zu hindern. Doch keine Chance, dabei würde ihr gleich alles aus den Händen purzeln. Sie verrenkte sich völlig, um irgendwie an den Schlüssel zu gelangen. Kein Wunder, dass sie das Kind völlig übersah, das etwas abseits neben der Tür stand. Erst als es sie zaghaft anstupste und sie gerade noch die Tannenzapfen daran hindern konnte, allesamt die Straße runter zu kullern, wurde sie des kleinen Mädchens gewahr.
„Was machst Du denn hier?“, entfuhr es ihr. „Na, ich will in den Kindergarten.“, antwortete das Mädchen ganz selbstverständlich. Das entlockte Frau Mut ein Lächeln. „Dann kannst Du mir doch bestimmt helfen, die Tür aufzuschließen?“, sie schaute das Mädchen fragend an. Ohne zu zögern, fischte ihr die Kleine den Schlüssel aus der Tasche. „Wie heißt Du denn?“, fragte Frau Mut sie. „Lena. Und das ist Freddy, meine Schildkröte.“, dabei hielt sie ihr ein bis zur Unkenntlichkeit zerliebtes Stoffding hin. „Und warum bist du ganz alleine hier?“, hakte Frau Mut nach. „Ach, mein Papa musste zu einem...ähm...“, Lena zögerte kurz, „..Miet-Ding oder so. Der wusste nicht, dass der Kindergarten noch nicht auf hat. Aber ich bin ja schon groß, ich kann alleine warten.“, sie strahlte über das ganze Gesicht. Frau Mut lächelte zurück, aber insgeheim hegte sie ein paar böse Gedanken gegenüber unverantwortlichen Eltern. Was hatte Lenas Vater sich denn dabei gedacht? Hier an der Straße konnte eine ganze Menge passieren! Sie schüttelte den Kopf.

Die Sonne schien bereits hell durch die Fenster als die Kinder an den großen, quadratischen Tischen saßen. Sie waren mit großem Eifer dabei, zu sprühen, zu kleben und zu schneiden. Im Hintergrund hörte Frau Mut die Stimme der anderen Kindergärtnerin, die gerade eine Adventsgeschichte vorlas. Sie war gerade dabei, mit Lena eine Figur aus Tannenzapfen zu basteln, aber irgendwie schien das Ding nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem Wichtel zu haben. Die Augen saßen schief, der Kopf saß übergangslos aus den Schultern, kurz, es war wirklich ein seltsames Werk. Zweifelnd hielt sie die Figur und der Hand und meinte: „Ich weiß nicht Lena, so ganz wie ein Wichtel sieht das ja nicht aus...“ Da schaute die Kleine sie erstaunt aus großen Augen an und erwiderte: „Aber das ist doch kein Wichtel! Das ist ein Bruder für Freddy!“ Dann wandte sie sich ab und bastelte ungerührt weiter.
Frau Mut runzelte die Stirn und betrachtete noch einmal die Figur in ihrer Hand. Verwundert drehte sie die Figur hin und her. Da sah sie es auf einmal. Es war tatsächlich eine Schildkröte. Sie war die ganze Zeit so versessen darauf gewesen, einen Wichtel zu sehen, dass ihr das Offensichtliche einfach aufgefallen war. Drehte man die Figur, war es eindeutig eine Schildkröte. Frau Mut musste schmunzeln. Es war nicht das erste Mal, dass ein Kind ihr die Augen geöffnet hatte.